Außendämmung schützt im Sommer und im Winter - Stroh, Seegras oder Zellulose: Naturdämmstoffe sind im Kommen

Naturmaterialien besitzen hervorragende Dämmeigenschaften / Energieagentur Schwarzwald-Hochrhein beantwortet Fragen. Den höchsten Anteil der Energiekosten verursacht im Haushalt immer noch die Heizung. Die Dämmung von Fassade, Dach und Kellerdecke eines Altbaus kann Abhilfe schaffen – und ist teilweise gesetzlich Pflicht. Doch ist Wärmedämmung wirklich ratsam und wenn ja: Eignen sich dafür auch Naturstoffe? Kompetenten, unabhängigen Rat gibt die Energieagentur Schwarzwald-Hochrhein – eine von 35 regionalen Agenturen in Baden-Württemberg. Wir haben mit der Beraterin Dr. Erika Höcker gesprochen.

Frau Höcker, lohnt sich Wärmedämmung wirklich?
Erika Höcker: Ja. Etwa 40 Prozent der Endenergie wird in Deutschland durch Gebäude verbraucht, der größte Anteil davon entfällt aufs Heizen. Auch wenn die Heizöl- und Gaspreise derzeit niedrig sind, macht ein geringerer Energieverbrauch unabhängiger von fossilen Energieträgern und unterstützt den Klimaschutz. Natürlich sinken auch die Heizkosten deutlich. Der sogenannte bauliche Wärmeschutz – also die Gebäudedämmung – trägt neben der Heiztechnik und dem Einsatz erneuerbarer Energien maßgeblich dazu bei. Und im Sommer hält er die Wärme draußen.
In der Presse tauchen immer wieder Berichte über die leichte Brennbarkeit gedämmter Häuser auf. Wie stehen Sie dazu?
Die meisten Vorbehalte, die kursieren, beruhen auf Missverständnissen oder einer verzerrten Risikowahrnehmung. Der am häufigsten verwendete Dämmstoff Polystyrol ist laut Vorschrift schwer entflammbar; die meisten Dämmstoffe aus nachwachsendem Material brennen von Natur aus ebenfalls schlecht. Es gibt keinen Grund, die Wärmedämmung pauschal zu verunglimpfen.
Andere Zweifel betreffen die Versiegelung des Gebäudes: Wird damit nicht dem Schimmel Vorschub geleistet?
Die Legende von den Wänden, die atmen können, ist längst Geschichte. Eine neue Gebäudehülle dichtet zusammen mit hochwertiger Mehrfachverglasung das Gebäude natürlich ab. Sie verhindert einen unkontrollierten Luftaustausch zwischen außen und innen – und das ist der Sinn der Sache. Wer mehrmals täglich mit Durchzug stoßlüftet, bei dem ist Schimmel dennoch chancenlos. Da die Wände eines gedämmten Gebäudes grundsätzlich warm sind, kann sich im Winter auch kein Schwitzwasser mehr an einer kalten Außenwand niederschlagen. Eine gute Wärmedämmung verringert also die Schimmelgefahr.
Stimmt es, dass die Produktion eines Dämmstoffes mehr Energie verbraucht als dieser später beim Dämmen einspart?
Alle Dämmstoffe amortisieren sich energetisch innerhalb ihrer Lebensdauer. Allerdings gibt es große Unterschiede, was die Zeitspanne betrifft. Konventionelle Dämmstoffe wie Polystyrol oder Glaswolle schneiden hier deutlich schlechter ab. Einige Naturstoffe wie Kork, Holzprodukte, Schilfrohr oder Zellulose zeigen dagegen eine besonders positive Bilanz: Sie sparen bereits bei der Herstellung CO2 ein .
Welche Rolle spielen Naturdämmstoffe generell, und welche können Sie empfehlen?
Fast alle Naturdämmstoffe haben hervorragende Dämmeigenschaften, sowohl was Wärme und Kälte als auch was Geräusche betrifft. Die meisten sind außerdem von Natur aus schwer entflammbar und resistent gegen Schimmel. Sie benötigen daher keine oder kaum Zusatzstoffe. Ein Beispiel dafür ist das Seegras Posidonia. Auch Hanf, Stroh, Zellulose, Kork oder Schurwolle sind empfehlenswert.
Was bedeutet „hervorragende Dämmeigenschaften“ genau?
Das Dämmverhalten eines Baustoffes bemisst sich nach seiner Wärmeleitfähigkeit und der Wärmespeicherkapazität. Erstere besagt, wie durchlässig ein Stoff für einen Wärmestrom ist. Ein guter Wert liegt bei 0,05 oder darunter . Die Wärmespeicherkapazität gibt an, wie viel Energie notwendig ist, um ein Kilogramm eines Stoffes um ein Grad zu erwärmen. Je höher der Wert, desto besser der bauliche Wärmeschutz, da Temperaturschwankungen besser ausgeglichen werden. Naturdämmstoffe schneiden übrigens nicht nur bei diesen Zahlen gut ab, sie besitzen auch durchweg gute Ökobilanzwerte.
Warum werden Naturdämmstoffe dann bislang so selten eingesetzt?
Vermutlich, weil der Preis in der Regel etwas höher liegt als bei Polystyrol oder Mineralwolle. Viele Naturmaterialien sind auch noch nicht bekannt genug. In seine Erwägungen sollte man mit einbeziehen, dass nachwachsende Dämmstoffe in der Mehrzahl ökologisch unbedenklich sind: Sie werden häufig aus Reststoffen hergestellt, und je nach Quelle sind die Transportwege kurz. Zudem sind die Entsorgung oder das Recycling meist unproblematisch. Wir empfehlen Sanierern, diese Argumente zu berücksichtigen. Und wenn die Nachfrage nach Naturdämmstoffen steigt, werden auch die Preise sinken.
Wie kann ich sicher sein, dass das gewählte Material den Anforderungen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes entspricht?
Der „Blaue Engel“ beispielsweise zeichnet inzwischen auch Dämmstoffe aus. Das Umweltsiegel garantiert, dass sie schadstoffarm hergestellt werden – teils über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus – und dass sie gesundheitlich unbedenklich sind. Weitere relevante Baustoff-Prüfzeichen sind „ToxProof“ des TÜV oder „natureplus“ .
Welches ist die günstigste Jahreszeit, um sein Haus zu verpacken?
Wir empfehlen aufgrund der Witterung gerne das Frühjahr oder den Sommer. Da die Gebäudedämmung die Wärme nicht nur im Winter innen sondern auch im Sommer außen hält, bekommt man schon einen Vorgeschmack auf ein behagliches Raumklima fürs ganze Jahr.
Nehmen wir an, ich entscheide mich für die ökologisch verträgliche Variante: Wie finde ich den passenden Dämmstoff?
Um das beantworten zu können, muss ich wissen, was genau Sie dämmen wollen: Fassade, Kellerdecke, Dach oder obere Geschossdecke. Einen großen Unterschied macht es überdies, ob es sich um einen „normalen“ Altbau oder ein historisches Gebäude handelt, dessen Fassade nicht verändert werden soll. So kommen für eine Innendämmung nur bestimmte Materialien in Frage und lose Einblas-Dämmstoffe eignen sich nicht zur Trittschalldämmung. Es ist also wichtig, den Dämmstoff genau auf den Bedarf abzustimmen. Genau das passiert bei einer ausführlichen Fachberatung.
Und wo bekomme ich eine unabhängige Beratung für mein Vorhaben?
Bei unserer persönlichen Erstberatung (gefördert mit Projektmitteln des Bundes) erstellen wir einen Überblick über den energetischen Zustand des Hauses. Anhand von Angaben wie Baujahr, Wohnfläche und Heizenergieverbrauch schätzen wir den energetischen Zustand des Gebäudes ab. Als neutraler Partner sondieren wir, in welcher Form Wärmedämmung, eine Heizungserneuerung und der Einsatz erneuerbarer Energien sinnvoll sind. Dabei geben wir auch Empfehlungen für die Art des geeigneten Dämmstoffes. Außerdem suchen wir nach Quellen, wie Kunden ihren Stromverbrauch senken und sich im Alltag energiebewusst verhalten können.
Können Sie auch Kosten kalkulieren und passende Fördermittel empfehlen?
Ja. Wir schätzen die Wirtschaftlichkeit der empfohlenen Schritte ab und weisen auf die verfügbaren Förderprogramme hin. Denn eine solche finanzielle Unterstützung kann einen guten Teil der Gesamtinvestition ausmachen.
Sicher lassen sich bei der Einstiegsberatung nicht alle Fragen beantworten. Was passiert danach?
Richtig, eine Einstiegsberatung ist noch keine detaillierte Energiediagnose. Dafür muss sich ein Fachmann zwingend bei einem Ortstermin das Gebäude ansehen. Entweder vereinbaren wir weitere Treffen mit den Ratsuchenden oder wir verweisen sie an einen freien Energieberater aus unserem Netzwerk. Listen mit entsprechend ausgebildeten Architekten, Ingenieuren und Handwerkern halten wir bereit. Die erweiterten Leistungen gehören natürlich nicht mehr zur Erstberatung; doch auch hierfür gibt es Fördermöglichkeiten.
Beraten Sie nur Privatpersonen?
Die geförderte Erstberatung gibt es nur für Privatpersonen. Trotzdem kann jeder zu uns kommen, der sein Gebäude energiesparend umrüsten möchte: Kommunen, Unternehmen, Kirchengemeinden oder Vereine. Wir begleiten auf Anfrage auch komplette Bauvorhaben. Außerdem führen wir Informationsveranstaltungen durch, die sich beispielsweise mit aktuellen Technologien oder den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen befassen. Zielgruppen sind unter anderem Hausverwalter oder Handwerker.
Frau Höcker, ein Wort zum Schluss: Warum lohnt sich Ihrer Meinung nach die Investition in energetische Sanierung?
Produzierten wir weiterhin die Menge an CO2 wie noch vor einigen Jahren oder Jahrzehnten, würden wir auf lange Sicht unsere Lebensgrundlagen zerstören. Schon jetzt sind die Folgen des globalen Klimawandels zu erahnen und teilweise sichtbar. Der sparsame Umgang mit unseren Ressourcen und der Umstieg auf erneuerbare Energien sind daher die Voraussetzung für künftiges Leben auf dem Planeten Erde. Manch einem Ratsuchenden scheinen die Kosten für eine energetische Sanierung unangemessen hoch zu sein. Dann empfehle ich nicht nur den Blick auf die anschließend niedrigen Verbrauchskosten. Auch der Mehrwert durch ein behaglicheres Wohnklima und ein gutes Gewissen in Bezug auf die persönliche Ökobilanz sind Argumente für einen solchen Schritt.

Weiterführende Links
Fachagentur nachwachsende Rohstoffe e. V.:
http://baustoffe.fnr.de/daemmstoffe/
Marktübersicht: Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen mit Daten, Fakten und vergleichenden Informationen sowie ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Materialien.
NABU Leitfaden Ökologische Dämmstoffe
https://www.nabu.de/downloads/studien/leitfadendaemm.pdf

Zur Info:
Wärmeleitfähigkeit von Naturdämmstoffen
Die Wärmeleitfähigkeit λ sagt aus, wie gut ein Produkt gegen Wärmeverlust schützt. Je niedriger der Wert, desto besser die Dämmwirkung.
Material Wärmeleitfähigkeit λ
in (W/mK)
Schafwolle 0,033 - 0,040
Flachs 0,036 - 0,040
Zellulose (eingeblasen) 0,039 - 0,045
Holzfaserplatte 0,040 - 0,052
Hanfmatten 0,040 - 0,050
Korkplatten 0,040 - 0,050
Seegras (Posidonia) 0,041 - 0,044
Schilfrohr 0,055
Zum Vergleich:
Polystyrol EPS-Platte 0,035 - 0,040
Glaswolle 0,035 - 0,050
(Datenquelle: FNR Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. )

 
 
 
Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Zur Datenschutzinformation